Interview mit Dr. Klaus Poser

Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Evangelischen und Katholischen Zentralstellen für Entwicklungszusammenarbeit (EZE/KZE)



1.    Wie haben Sie in Ihrer Amtszeit die Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) erlebt?

Spannend, anregend und meist sehr gut. Es gilt dabei zu erinnern, dass das BMZ selbst erst Anfang der 60er-Jahre eingerichtet wurde und sich sowohl gegenüber dem Auswärtigen Amt (AA) als auch dem Wirtschafts- und Finanzministerium, von denen es Teile der Auslandsarbeit übernahm, profilieren musste. Entsprechend saßen anfangs auch Vertreter dieser Ministerien, dazu die der Bundesbaudirektion, mit am Tisch der regelmäßigen Routine- und Abstimmungssitzungen.

Portrait: Dr. Klaus Poser
Portrait: Dr. Klaus Poser

Da gab es durchaus ein Zusammenrücken zwischen kirchlichen Zentralstellen und ihren BMZ-Partnern, auch gegen den Anspruch beispielsweise des Finanzministeriums „die Richtung der Entwicklungspolitik bestimmen wir“. Tatsächlich erhielt das BMZ erst 1967 die Bewilligungszuständigkeit, die bis dahin beim Auswärtigen Amt lag.
Aber auch hinsichtlich des BMZ gilt es zu unterscheiden: Die kirchlichen  Zentralstellen hatten als Gegenüber ja das Kirchenreferat. Ich erinnere mich gern und dankbar der durchaus kritischen, fruchtbaren, aber auch immer verständnisvollen Zusammenarbeit.

Es blieb nicht aus, dass mancher neue Minister – und wir haben einige erlebt – die Zusammenarbeit von Kirchen und Staat hinterfragte. Es ist nicht zuletzt der sympathischen Interpretation unserer Partner im Kirchenreferat, aber auch der energischen Intervention von Menschen wie Bischof Hermann Kunst zu danken, dass sich daraus ein gutes Miteinander entwickelte.

Da war in Einzelfällen die Abstimmung mit den Fach- und Regionalreferaten des Ministeriums schon schwieriger. In der Berufsausbildung wurden zum Beispiel deutsche Standards eingefordert. Rekurse auf Erfahrungen der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und Empfehlungen der International Labour Organization (ILO) halfen da, die Vorstellungen unserer Partner durchzusetzen.

Mit unseren Partnern vor Ort hatten wir kompetente, engagierte, breit aufgestellte und in der Gemeinde verankerte Projektträger. So konnten wir durchaus gängige Thesen wie „keine Mark ohne Mann“ (heißt: es müssen immer deutsche Fachkräfte dabei sein), „wenn, dann deutsche Investitionsgüter“ oder „keine Übernahme von Inlandskosten“ hinterfragen und für uns, aber auch für die staatliche Entwicklungsarbeit abstellen.

Ich habe die Zusammenarbeit durchaus als einen fruchtbaren Dialog erfahren, der sich als gegenseitiger Lernprozess entwickelte.

2.    Welche Änderungen in der Entwicklungszusammenarbeit haben Sie in Ihrer Zeit als Geschäftsführer miterlebt oder gestaltet?

Als ich 1970 die Geschäftsführung der Evangelischen Zentralstelle für Entwicklungszusammenarbeit (EZE) übernahm, begann die zweite Entwicklungsdekade mit geradezu revolutionären Neubesinnungen. Hatte man in der ersten auf Kapital- und Technologietransfer gesetzt und sich dabei nicht zuletzt unter Missachtung der völlig andersartigen Grundvoraussetzungen von den Erfolgen des Marshall-Plans in Europa leiten lassen, so ging es jetzt um Strukturwandel, Gemeindemobilisierung, Hilfe zur Selbsthilfe, präventiver, gemeindebasierter Gesundheitsfürsorge versus institutioneller kurativer Medizin und so weiter.

Die EZE hatte unter der grundlegenden und hervorragenden Leitung meines Vorgängers Ernst Mordhorst Kirchen und Missionen in Übersee dabei unterstützt, in ihren meist gerade unabhängig gewordenen Ländern genau das zu tun, was sie am besten beitragen konnten und was dringend benötigt wurde, nämlich die soziale Infrastruktur im Gesundheits- und Bildungsbereich zu stabilisieren und auszubauen.

Mit dem Aufbruch Anfang der 70er-Jahre wurde deutlich und dringend, dass die Arbeit der EZE von der Institutionenförderung hin zur Programmförderung, die individuelle hin zur Gemeinwesenentwicklung erweitert werden musste. Das „Comprehensive Area Development“ war ein Konzept, dass die Förderung sozialer Dienste mit Gemeinwesen getragener Wirtschaftsentwicklung, vor allem aber der Stärkung der Selbsthilfe- und Durchsetzungsstrukturen verband. Es ging um die Hinwendung zu langfristigem, prozessorientierten Engagement unter bewusstem politischen Eintreten für einen Strukturwandel für die Armen.

Nicht zuletzt unter der ökumenischen ‚„Option für die Armen“ hatten viele Kirchen und Partner begonnen, sich für die Armen einzusetzen. Dabei ging es um ihre Organisierung und Zurüstung, vor allem aber um ihre Einbeziehung in Analyse, Planung und Durchführung der Selbsthilfeprojekte – Entwicklung mit, nicht für die Armen, wurde zum Leitmotiv.

Entwicklungszusammenarbeit wurde so zu einem Lernprozess, der sich aus den eigenen Erfahrungen und dem Partnerdialog speiste und half, neuen Herausforderungen kreativ zu begegnen.

3.    Was betrachten Sie als Ihren größten persönlichen Erfolg in Ihrer Zeit als EZE-Geschäftsführer?

Sie erwischen mich da auf dem falschen Fuß. Ansehen, Erfolg und ökumenische Akzeptanz der EZE war das Ergebnis eines als Ganzem gut ausgebildeten, kreativen, sensiblen und hart und engagiert arbeitenden Stabes.

Aber vielleicht, dass ich unseren verehrten Vorsitzenden, Bischof Hermann Kunst, nie bitten musste, beim Kanzler zu intervenieren? Er hatte es mir beim Einstellungsgespräch zugesagt: „Junger Mann, Sie übernehmen ein hervorragend ausgerüstetes und erfahrenes Schiff, geben Sie ihm weiterhin einen überzeugenden entwicklungspolitischen Kurs“ und „Sollten Sie dabei mit der Regierung Schwierigkeiten bekommen, bin ich bereit, mich für Sie beim Kanzler einzusetzen. Aber: Nur ein Mal, sonst ist die Glaubwürdigkeit dahin“. Es wurde kein Mal. Dieses Vertrauen, die Rückendeckung war eine ungeheure Stärkung.

Vielleicht auch, dass wir als EZE ein klares, von den Partnern gerade auch wegen der Bundesmittel eindeutig identifizierbares Profil entwickelten. Das war ja ein Prozess, der immer wieder Herausforderungen und Anregungen, beispielsweise von den Vollversammlungen des Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖKR), seinen und anderen Fachtagungen und den Partnerkonferenzen, die die EZE initiiert hatte, aufzunehmen und zu verarbeiten hatte. Mir war es dabei wichtig, nicht nur mit allen Ohren und Sinnen, sondern auch mit einer gemeinsamen Vision und einer Stimme dabei zu sein.

Oder: Dass Dr. David Gitari, damals Bischof der Anglikanischen Diözese Mt. Kenya East, später Erzbischof, auf den Antrag eines englischen Bischofs, mich von der Vollversammlung der ACK auszuschließen, schlicht feststellte: „Dr. Poser is our guest and he stays on“.

Mit dem Erfolg ist es wie mit dem Unbehagen (siehe unten): In unserem Arbeitskontext sieht er anders aus, ist immer auch anderen, meinen Mitarbeitenden und den Partnern geschuldet. So könnte man fortfahren, dass eine unserer großen Partnerkirchen, die Sieben-Tages-Adventisten, ihr großes Hilfswerk ADRA (Adventist Development and Relief Agency) auf Anregung und an der Arbeitsweise der EZE orientiert gründeten. Das war nach einer Generalversammlung in Dallas 1975, auf der mehr als 25.000 Delegierte zusammenkamen und mein Name als ein TOP auf der Tagesordnung stand – „You got them swinging“.

Erfolg ist auch eine atmosphärische Frage: Unsere Gäste fühlten sich immer ungeheuer wohl bei uns, was den Dialog ungemein befeuerte und erleichterte. Unser Kaffee war weltberühmt – dank eines freundlichen, offenen und immer hilfsbereiten Vorzimmers. Hier erinnere ich gern und dankbar meiner Assistentinnen, Ingrid Schmidt-Püschel und Ingrid Schleip.
 
4.    Gibt es etwas, an das Sie eher mit Unbehagen zurückdenken?

Nein, ich habe keine Erinnerungen aus meiner EZE-Zeit, die mir heute Unbehagen bereiten.

Wohl gab es Episoden, die mich an Grenzen brachten, so zum Beispiel mein Antrittsbesuch 1970 beim East Asia Christian Conference (EACC) in Bangkok: In Indien hatte ich zuvor mit dem NCCI (National Christian Council of India) die Einrichtung einer „Außenstelle“ beraten und grünes Licht bekommen vorbehaltlich der Zustimmung des EACC.
Dort wurde sie nicht nur verweigert, sondern jedwede Zusammenarbeit mit der EZE abgelehnt. Ich konnte das einfach nicht begreifen und so akzeptieren. Ich versuchte es drei Tage lang immer wieder, dachte “Lieber Gott, eine Einsicht, ein Versuch muss doch möglich sein“ – vergeblich. Das Ergebnis war vor lauter Aufregung eine gewaltige Diarrhöe.

Aber zur Klärung: Wir wurden bald sehr gute Partner und haben viele Projekte und Programme unter der Ägide des EACC unterstützt. Aber ich hatte auch meine Lektion gelernt: Das Thema ‚Außenstelle‘ war seitdem tot (heute feiert es ja weithin fröhliche Auferstehung) – Stärkung der Partner und Trägerstrukturen war angesagt und wurde ein Schwerpunkt der Arbeit der EZE.

5.    Was haben Sie als entwicklungspolitischen Meilenstein aus Ihrer Zeit in der EZE in Erinnerung?

‚Meilenstein‘ ist ein großes Wort – und einer zumal. Ich sehe an meinem Weg in der EZE eher viele kleine, meist hart errungene Meilen- oder Merksteine. Ich kann sie nicht alle und chronologisch aufzählen, nur soviel:

Vor allem in der Ökumene war ‚Entscheidungsverlagerung‘ auf die Partner ein großes und dringendes Ziel. Mit einigen Partnern (vor allem Nationalen Christenräten und Trägern, die kleine Gruppen vertraten) hatte die EZE begonnen, ihr Wirken und die Finanzierung als Schlüsselpartner zu beraten. 1983 war es dann soweit: Das BMZ stimmte einer Neuregelung zu, nach der unter der Bezeichnung „Zentrale Programmprojekte“ die Förderung von Fonds ermöglicht wurde, aus denen Projekte von Mitgliedsgruppen der Schlüsselträger im Rahmen ihrer Programme und Entscheidungen selbständig unterstützt werden konnten.

Ein weiterer Meilenstein ist sicher die Neuerung, Projekte der Partner mehrjährig – drei bis fünf Jahre – zu finanzieren und dies auch auf deren Budgets anzuwenden. Dies ermöglichte Partnerorganisationen, ihre eigenen Entwicklungsvorstellungen durchzusetzen; auch ein Akt der Emanzipation von Geldgebern, die ihre Förderung von Auflagen abhängig machten.

Ganz sicher gehört auch die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst (AG KED) zu den Meilensteinen der Entwicklungszusammenarbeit. Ich wurde 1969 mit der Aussicht eingestellt, dass mir beim Zustandekommen eines neuen gemeinsamen Werkes gegebenenfalls eine andere Stelle angeboten würde. Es kam dann die AG KED und mit ihr das Geschäftsführerkollegium (GFK). Dieses koordinierte ab 1970 die Arbeit der Hilfswerke entsprechend ihrem Mandat, ihrer Ausstattung und Kultur. Ich erinnere eine sehr kollegiale, schöpferische und lehrreiche Zusammenarbeit und bin überzeugt, dass wir durch die Verschränkung der Komplementarität unserer Hilfswerke und ihrer Erfahrungen die Wirkung unserer jeweiligen Arbeit und des Mitteleinsatzes intensivieren konnten.

Dazu trug auch die Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von 1973 bei: Sie hob auf soziale Ungerechtigkeit ab und verortete Hilfe zur Überwindung ungerechter Strukturen und Solidarität mit ihren Opfern zu einer Hauptaufgabe des kirchlichen Entwicklungsdienstes. Und stellte damit sein Wirken in einen politischen Kontext.

Dieser Ansatz wurde 1974 von der ökumenischen Versammlung in Montreux (II) bestätigt: Es geht um die Ärmsten der Armen.

Es würde zu weit führen, alle ökumenischen Meilensteine hier aufzuzählen. Sie hatten jedoch einen großen Einfluss auf die Gestaltung der Arbeit der EZE. Vor allem, nachdem sie nach anfänglichem Widerstand einer der intensivsten Partner des ÖRK wie auch des Lutherischen Weltbundes nicht nur hinsichtlich der finanziellen Förderung, sondern auch der Mitgestaltung von Instrumenten wie der Konsortien wurde.

Im zweiten Teil des Interviews äußert sich Dr. Kaus Poser über die aktuelle Entwicklungszusammenarbeit, die Zukunft der EZE/KZE und seine derzeitige Tätigkeit.

Interview Dr. Klaus Poser Teil II

Klaus Poser über die aktuelle Entwicklungszusammenarbeit, die Zukunft der EZE/KZE und seine derzeitige Tätigkeit.

zum zweiten Teil des Interviews