Hunger und Not: Kirchen starten Entwicklungshilfe (1962-1971)

Unter dem Eindruck von Hunger und Not in der Welt beginnen die Kirchen Ende der 1950er Jahre ihre Entwicklungsarbeit (Brot für die Welt, Misereor)."Modernisierung" lautet das Zauberwort der Entwicklungspolitik bis in die 60-Jahre. Arme Länder sollen mit Industrialisierung und großen Infrastrukturprojekten das westliche Entwicklungsmodell nachahmen („nachholende Entwicklung“).

Walter Scheel, erster Bundes­minister für wirt­schaft­liche Zusammen­arbeit, besucht 1966 die MISEREOR-Zentrale. V.l.n.r.: Hr. Hartmann, Kardinal Frings, Prälat Dossing, Erzbischof Zoa (Kamerun) und BM Scheel
Walter Scheel, erster Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, besucht die MISEREOR-Zentrale.

Die Evangelische Zentralstelle für Entwicklungshilfe (EZE) und die Katholische Zentralstelle für Entwicklungshilfe (KZE) werden gegründet – treibende Kräfte sind die Bischof Hermann Kunst und Erzbischof Joseph Kardinal Frings. Mit der Gründung der Zentralstellen gehen die Kirchen auf das Angebot der Bundesregierung ein, ihnen öffentliche Mittel zur Förderung der Entwicklungsvorhaben ihrer Partner zur Verfügung zu stellen. Subsidiarität und Programmautonomie sind dabei entscheidende Grundsätze: Der Staat ergänzt mit seinen Mitteln die kirchlichen Gelder - die Kirchen sind bei Projektauswahl und -gestaltung autonom. 

Dr. Hermann Kunst
Dr. Hermann Kunst

Erste Projekte

Anfangs stehen wenige Länder im Mittelpunkt, zu denen langjährige Missionsbeziehungen bestehen: Gefördert werden Schlüsselprojekte der sozialen Infrastruktur wie Krankenhäuser in Tansania oder Gewerbeschulen in Indien.

Prälat Wilhelm Wissing wird Vorsitzender der katholischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe. Erster Geschäftsführer der EZE wird Dr. Ernst Mordhorst.

Gottfried Dossing mit Indira Gandhi, Foto: MISEREOR
MISEREOR-Geschäftsführer Gottfried Dossing zu Gast bei der indischen Primierministerin Indira Gandhi

Hilfe zur Selbsthilfe

MISEREOR-Geschäftsführer Gottfried Dossing  verhalf dem Prinzip der "Hilfe zur Selbsthilfe" und der Bekämpfung der Ursachen von Krankheit und Not mit zum Durchbruch. Das Bild zeigt ihn während einer Indienreise im Gespräch mit Indira Gandhi, Ministerpräsidentin von Indien. Dossing leitete die MISEREOR-Geschäftsstelle von 1957 bis 1976. Er wurde weltweit als "Mister Misereor" bekannt.

Willem Visser’t Hooft, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) betont den Zusammenhang von Gerechtigkeit und Frieden: „Wir wissen […], dass es nicht genügt, eine bescheidene Entwicklungshilfe zu geben, sondern dass die Struktur der Weltwirtschaft verwandelt werden muss, um zu einer internationalen sozialen Gerechtigkeit zu kommen.“

Der ÖRK ist bedeutend für die ökumenische und entwicklungspolitische Orientierung der EZE.

Weihbischof Heinrich Tenhumberg löst Prälat Wilhelm Wissing als Vorsitzender der katholischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe ab (bis 1969).

Hunger und Not: Kirchen starten Entwicklungshilfe (1962-1971)

Modell Tansania: Konzentration auf ländliche Entwicklung

Tansanias Präsident Julius Nyerere beeinflusst mit einem neuen Entwicklungsmodell die internationale Diskussion: „Self-Reliance“ (Ujamaa - Vertrauen auf die eigene Kraft). Im Fokus sollen die Grundbeürfnisse der Bevölkerung stehen. Dabei  steht die ländliche Entwicklung im Zentrum der Bemührungen. Eine Abkehr vom Modell der Industrialisierung. 

Hunger und Not: Kirchen starten Entwicklungshilfe (1962-1971)

Helmut Gollwitzer
Helmut Gollwitzer

EKD-Synode: Kirchensteuermittel für Entwicklungshilfe

Der Theologe Helmut Gollwitzer ruft vor der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Kirche dazu auf, sich gegenüber den Mächtigen in Politik und Wirtschaft für die Interessen der Armen einzusetzen. Die Synode empfiehlt den Landeskirchen, mindestens zwei Prozent der Einnahmen aus Kirchensteuern für die Bekämpfung der Armut in der Welt bereitzustellen.

Die evangelischen Kirchen gründen als gemeinsames Werk den Kirchlichen Entwicklungsdienst (KED).

Apell der Vollversammlung des ÖRK in Uppsala: „Wir (Christen) sollen das Recht der Armen und Unterdrückten durchsetzen und wirtschaftliche Gerechtigkeit unter den Völkern und innerhalb eines jeden Staates aufrichten helfen.“

 

Hunger und Not: Kirchen starten Entwicklungshilfe (1962-1971)

Bericht aus MISEREOR aktuell
Brunnenbohrung in Burkina Faso

Dürre in der Sahelzone

Drängenstes Problem dieser Zeit ist die langanhaltende Dürre in der Sahelzone. Die kirchliche Entwicklungshilfe reagierte mit einem Mix aus Soforthilfe und langfristigen Strategien. Im Bild eine Brunnenbohrung im damaligen Ober-Volta (heute Burkina Faso).

Prälat Wilhelm Wöste wird Vorsitzender Vorsitzender der KZE (bis 1977)

Hunger und Not: Kirchen starten Entwicklungshilfe (1962-1971)

Paulo Freire
Paulo Freire

„Pädagogik der Unterdrückten“ befördert Befreiungsbewegungen

Das Hauptwerk „Pädagogik der Unterdrückten“ des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire erscheint auf Deutsch. Mit seinem neuen Konzept des Verhältnisses von Lernenden und Lehrenden beeinflusst er demokratische Basisprozesse weltweit, so auch die lateinamerikanische „Theologie der Befreiung“.

Dr. Klaus Poser wird Geschäftsführer der EZE.

Hunger und Not: Kirchen starten Entwicklungshilfe (1962-1971)

Entwicklung ist Befreiung (1972 – 1981)

Die weltweite Bewegung gegen das Apartheid-Regime in Südafrika gewinnt an Einfluss. Der Slogan "Entwicklung ist Befreiung" steht im Mittelpunkt der entwicklungspolitischen Diskussion. Befreiungsbewegungen sind ein attraktiver Partner für die Zusammenarbeit. Das führt vor allem in den deutschen Kirchen zu Auseinandersetzungen führt (z.B. Antirassismusprogramm des ÖRK). In der Entwicklungsarbeit verstärkt sich der Trend weg von der Förderung einzelner Projekte – etwa dem Bau von Schulen, Krankenhäusern oder Brunnen – hin zu langfristig angelegten Programmen der Gemeinwesenarbeit und der Hilfe zur Selbsthilfe, insbesondere in der ländlichen Entwicklung.

Logo Club of Rome

Grenzen des Wachstums

Der Club of Rome legt seine Studie „Grenzen des Wachstums“ vor und formuliert Grundsätze der Verantwortung für die Zukunft der Weltgesellschaft.

Cover des Buches "Small is beautiful"

Für eine Wirtschaft mit menschlichem Maß

Der britische Ökonom Ernst Friedrich Schumacher verficht in seinem Buch  „Small is beautiful“ (deutsch: „Die Rückkehr zum menschlichen Maß“) ein alternatives wirtschaftliches Denken. Er wendet sich gegen die Exportorientierung der Entwicklungsländer, setzt sich für bessere Ausbildung der Menschen und den Einsatz lokal angepasster Technologien ein.

Entwicklung ist Befreiung (1972 – 1981)

Prüfung vor Ort: Projektabrechnung wesentlich vereinfacht

Die Abrechnung der geförderten Projekte wird wesentlich vereinfacht. Der Bundesrechnungshof stimmt zu, dass die Projektpartner der kirchlichen Zentralstellen die ordnungsgemäße Verwendung der Fördermittel in ihren Ländern durch örtliche Wirtschaftsprüfer prüfen lassen. Die Zentralstellen überprüfen die Berichte und legen die Verwendungsnachweise dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) vor. Gleichzeitig wird die Fortbildung der einheimischen Wirtschaftsprüfer intensiv gefördert.

Entwicklung ist Befreiung (1972 – 1981)

Dag Hammarskjold
Dag Hammarskjold

Hammarskjöld-Stiftung: „Mit der Beseitigung von Armut beginnen“

Die Dag Hammarskjöld-Stiftung fordert in ihrem Bericht "What Now?" (deutsch: „Was tun?“) eine "andersartige Entwicklung", die auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse ausgerichtet ist und mit der Beseitigung von Armut beginnen muss.

Entwicklung ist Befreiung (1972 – 1981)

Stets fest im Sattel, war Leo Schwarz auch immer an der Seite der Armen – hier unterwegs mit Campesinos.
Campesino Leo Schwarz

Führungswechsel

Bischof Leo Schwarz übernimmt für sechs Jahre die Leitung des Hilfswerkes MISEREOR

Entwicklung ist Befreiung (1972 – 1981)

Bocklets Rede zur Amteinführung: rechts Kardinal Höffner und der damalige Bundeskanzler Schmidt.
Paul Bocklet, Kardinal Höffner, Bundeskanzler Schmidt

Prälat Paul Bocklet folgt Prälat Wöste als Vorsitzender der KZE (bis 2000)

Auch als Vorsitzender der Deutschen Sektion von Justitia et Pax setzte sich Prälat Bocklet offen und beherzt für die Anliegen der Armutsbekämpfung in der Einen Welt ein. Sein Witz und seine Klugheit halfen, schwierige Situationen zu meisterten und tragfähige Lösungen zu finden.

Entwicklung ist Befreiung (1972 – 1981)

Auf dem Weg zum Grundkonsens deutscher Entwicklungspolitik

Die Kirchen und ihre Laienbewegungen richten in Bonn einen entwicklungspolitischen Kongress mit rund 1000 Teilnehmenden aus. Im Gespräch mit Parteien, Gewerkschaften und gesellschaftlichen Gruppen gelingt es, einen Grundkonsens in der Entwicklungspolitik zu erzielen. Dieser führt 1982 zu einem Beschluss des Bundestages, in dem die Bekämpfung der Armut als oberstes Ziel der Entwicklungspolitik genannt und die Beteiligung der betroffenen Bevölkerung am Entwicklungsprozess gefordert wird. Dialogreihen mit einzelnen Verbänden und den Parteien werden ins Leben gerufen. 

Entwicklung ist Befreiung (1972 – 1981)

Willy Brandt (1980)
Willy Brandt

Brandt-Bericht: Norden soll Mittel und Macht mit Süden teilen

Die Nord-Süd-Kommission unter Vorsitz von Willy Brandt legt den Vereinten Nationen ihren Bericht „Das Überleben sichern“ vor. Der Report verlangt, die unterentwickelten Länder des Südens in die Weltwirtschaft zu integrieren. Die Industrieländer sollen ihre Mittel und ihre Macht mit den Ländern des Südens teilen. Eine weltweite Abrüstung könnte große Summen für die Entwicklung der armen Länder verfügbar machen.

Entwicklung ist Befreiung (1972 – 1981)

Vom Programm zum Prozess (1982 – 1991)

Finanzierungsinstrumente und Förderprogramme fächern sich immer weiter auf: So können Partnerorganisationen jetzt Fonds für Kleinprojekte lokaler Gruppen verwalten und Mittel daraus bewilligen. Die Zentralstellen fördern verstärkt die Strukturen der Partner, damit sie zu tragfähigen Selbstorganisationen der benachteiligten Menschen werden. Aus kurzfristigen Programmen werden langfristige Partnerschaften und Veränderungsprozesse. Partner im Süden schließen sich für größere Vorhaben zusammen – es entstehen die ersten „Bündelprojekte“ (Collective Forms of Cooperation). Einzelmaßnahmen etwa in Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft wachsen zu integrierten ländlichen Entwicklungsprogrammen zusammen. 

Herkenrath (l.) mit seinen Amtsvorgängern Prälat Dossing und Bischof Schwarz, Foto: MISEREOR
Paul Herkenrath, Gottfried Dossing, Leo Schwarz

Prälat Norbert Herkenrath wird neuer MISEREOR-Leiter.

Plakat zur MISEREOR-Fastenaktion 1983
Plakat "ICh will ein Mensch sein"

"Ich will ein Mensch sein"

Die MISEREOR-Fastenaktion 1983 mit Südafrika als Schwerpunktland führte zu heftigen Angriffen auf Misereor. Als Gastredner sprach  Erzbischof Denis HURLEY (Durban), Präsident der Südafrikanischen Bischofskonferenz. Er betonte sein Eintreten für alle Südafrikaner, "wobei mir die Tiefe des Leidens der schwarzen Bevölkerung immer klarer wird und daher auch die Notwendigkeit, diesem Leiden immer mehr Aufmerksamkeit zu widmen". Ein Jahr später brachte ihn sein Eintreten gegen die Rassentrennung in offenen Konflickt mit dem Apartheid-Regime.

Weltkirchenrat startet Konziliaren Prozess in Vancouver

Unter dem Eindruck des nuklearen Wettrüstens ruft die ÖRK-Vollversammlung in Vancouver zu einem Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung auf. Er mündet 1990 in die Ökumenische Weltversammlung von Seoul. Diese bekräftigt: „Wir sehen zwar die Notwendigkeit diakonischer Dienste und dringender Maßnahmen in Notsituationen ein, doch müssen wir heute erkennen, dass die Bedürfnisse der ‚Geringsten’ nur (dadurch) befriedigt werden können, dass die Strukturen der Weltwirtschaft grundlegend verändert werden.“

Vom Programm zum Prozess (1982 – 1991)

 

Programmprioritäten: EZE setzt auf Gemeinwesen-Entwicklung

Mit der Veröffentlichung des Grundlagenpapiers „Programmprioritäten“ vollzieht die EZE nach Diskussionen mit Partnern in Übersee und den christlichen Weltbünden eine Standortbestimmung. Im Mittelpunkt steht die gemeinwesenorientierte Entwicklung: Benachteiligte werden zur Durchsetzung ihrer Rechte durch Zusammenschluss in Organisationen befähigt. Damit einher geht die Verbesserung der wirtschaftlichen sozialen Verhältnisse und vorhandener Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsysteme. Durch Ausbildung, Stipendien und Praktika –Investitionen in Menschen - sollen christliche Strukturen der Gemeinwesenentwicklung gestärkt werden. 

Vom Programm zum Prozess (1982 – 1991)

Sisal ist für viele haitianische Frauen eine wichtige Einkommensquelle. Bild: MA 1/82
Haitianerinnen mit Sisal

Entwicklungsarbeit soll mehr auf Frauenbelange achten

Durch die zu Ende gehende Frauendekade der Vereinten Nationen und die Weltfrauenkonferenzen (Mexiko-City 1975, Nairobi 1985) wächst das Bewusstsein der Ungleichheit und Benachteiligung von Frauen. Der Weltkirchenrat greift das Thema mit seiner Dekade „Kirche in Solidarität mit den Frauen“ auf. Die Kammer für Kirchlichen Entwicklungsdienst der EKD setzt sich für eine frauengerechtere Entwicklungsarbeit und eine Frauenförderung in den eigenen Organisationen ein. In den Folgejahren wird in der EZE ein Frauenreferat geschaffen und ein neuer Orientierungsrahmen für die Förderpolitik entwickelt.

Vom Programm zum Prozess (1982 – 1991)

EKD-Synode bestätigt die Option für die Armen

Die EKD-Synode in Bad Salzuflen bestätigt die Option für die Armen, eingebettet in die ökumenische Solidarität der Kirchen, als grundlegende Zielperspektive für den kirchlichen Entwicklungsdienst. Sie setzt sich für eine Verstärkung der Bildungs- und Informationsarbeit über Entwicklungsfragen im Inland und eine Fortführung des Dialogs mit Regierung, Parteien und Verbänden ein. 

Wechsel in der Geschäftsführung der EZE

Die Geschäftsführung der EZE übernimmt Dr. Hartmut Bauer (bis 2007). Neben der konzeptionellen Orientierung der Arbeit engagiert er sich für die Weiterentwicklung der partnerschaftlichen Kooperation zwischen BMZ und Kirchen, mit der die besonderen Vereinbarungen für die Zentralstellen ausgefüllt wurden.

Vom Programm zum Prozess (1982 – 1991)

UN-Kommission für eine „nachhaltige Entwicklung“

Die UN-Kommission für Umwelt und Entwicklung legt ihren Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“ vor (Brundtland-Bericht). Darin prägt sie den Begriff der „nachhaltigen Entwicklung“: Sie ist eine „Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“. 

Vom Programm zum Prozess (1982 – 1991)

Armutsbekämpfung wird offizielles Ziel deutscher Entwicklungspolitik

Mit dem sektorübergreifenden Konzept des BMZ „Armutsbekämpfung durch Hilfe zur Selbsthilfe“ wird Armutsbekämpfung, wie bereits 1979 vom Bundestag beschlossen, als oberstes entwicklungspolitisches Ziel Deutschlands festgeschrieben. Das Konzept entsteht unter Federführung des Ministerialdirigenten und vormaligen Misereor-Abteilungsleiters Karl Osner in Zusammenarbeit des BMZ mit staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, darunter auch EZE und KZE/Misereor.

Vom Programm zum Prozess (1982 – 1991)

Prl. Puschmann, Leiter der Geschäftsstelle von "Not in der Welt" und Prl. Herkenrath, Leiter der Geschäftsstelle von Misereor.

Zusammenschluß des Werkes NOT IN DER WELT in der ehemaligen DDR mit MISEREOR

Einrichtung der Berliner Arbeitsstelle Misereor / Not in der Welt. Sie ist für die Betreuung der ostdeutschen Diözesen zuständig. Sie trägt den Doppelnamen bis ca. 2005. Einige Materialien werden zur Verteilung in Ostdeutschland bis 2002 ebenfalls mit dem Aufdruck des Doppelnamens versehen. NOT IN DER WELT bestand als Werk von 1970-1990. Die erste Kollekte wurde aber bereits 1968 durchgeführt. Insgesamt werden von 1968 bis 1989 von den ca. eine Million Katholiken 83 Millionen DDR-Mark gesammelt.

Globalbewilligung: Zentralstellen erhalten noch mehr Autonomie

Das BMZ erleichtert das Verfahren bei der Entscheidung über die Förderung von Projekten durch die Einführung der „Globalbewilligung“. Für den weitaus größten Teil der Projekte erhalten die Zentralstellen nun eine globale Zuwendung, entscheiden selbst über die Vorhaben und legen dem Ministerium Projektlisten und Verwendungsnachweise vor. Ausnahmen sind etwa Projekte in politisch sensiblen Ländern, die weiterhin individuell bewilligt werden. 

Vom Programm zum Prozess (1982 – 1991)

Empowerment: Arme treten selbst für ihre Rechte ein (1992 – 2001)

Rechte-basierte Ansätze und das „Empowerment“-Konzept rücken ins Zentrum der Armutsbekämpfung: Arme Menschen sollen sich bewusst werden, dass sie Rechte haben. Sie lernen, sich zu organisieren und für sich selbst zu sprechen, um ihre Interessen auch durchzusetzen. So wächst Demokratie von unten. Bewusst fördern die Zentralstellen solche Ansätze auch in Krisengebieten wie der DR Kongo oder Mittelamerika. Partnerorganisationen arbeiten jetzt international zusammen, z.B. in Netzwerken der indigenen Bevölkerung (Tebtebba) oder der Frauen (ISIS-WICCE). Von der Frauenförderung weitet sich die Perspektive der Entwicklungsarbeit zur Genderorientierung: Welches Potenzial hat ein Programm, um langfristig den Status von Frauen zu verbessern und die Geschlechterbeziehungen zu verändern? Die staatliche deutsche Entwicklungszusammenarbeit strebt zunehmend Direktkooperationen mit Organisationen der Zivilgesellschaft im Süden an – die Zentralstellen äußern sich dazu wegen des Ungleichgewichts der Partner skeptisch.

Omnibus, tief im Wasser

Umweltschutz und Entwicklung gehören zusammen

Die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung führt in Rio de Janeiro Vertreter von 172 Staaten zusammen. Neben der Klimarahmenkonvention und der Konvention über biologische Vielfalt beschließt der „Erdgipfel“ u.a. die Rio-Deklaration mit 27 Grundsätzen für eine nachhaltige Entwicklung: Umweltschutz darf nicht vom Entwicklungsprozess getrennt werden, die Beseitigung der Armut ist unabdingbare Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung. 

Rigoberta Menchú
Rigoberta Menchú

Friedensnobelpreis für Rigoberta Menchú

Damit wird vor allem ihr Einsatz für die Rechte der indigenen Völker gewürdigt. KZE und EZE fördern Rechtsberatung und Menschenrechtsbüros in Guatemala und ganz Lateinamerika.

Ökumenisches Konzept für Evaluierungen von Projekten

Misereor, Brot für die Welt und die EZE veröffentlichen das Handbuch „Evaluierung in der kirchlichen Entwicklungsarbeit“ Danach sind Evaluierungen „ein Instrument der Partnerorganisation für die Planung, Begleitung und Bewertung von Projekten oder Programmen. Weiterhin dienen sie dem Dialog zwischen den Hilfswerken und ihren Partnern“. Evaluierungen als einseitiges Kontrollinstrument der Hilfswerke werden abgelehnt.

Neu für Entwicklungsländer: Enge Kooperation von Staat und Kirche

Eine neue Form der Entwicklungszusammenarbeit beginnt in Tansania: Kirchen und Staat beschließen eine enge Zusammenarbeit vor allem im Bildungs- und Gesundheitswesen – beides zur Hälfte durch die Kirchen getragen. Der Staat sagt zu, sich an den Kosten der kirchlichen Einrichtungen zu beteiligen. Bei der Anbahnung der Kooperation spielen aus Deutschland die kirchlichen Zentralstellen sowie das BMZ eine bedeutende Rolle. Die evangelische und die katholische Kirche Tansanias gründen die Christian Social Services Commission als Dienstleisterin ihrer Sozialeinrichtungen und zugleich als Lobbyorganisation gegenüber der Regierung. Die Kooperation besteht bis heute.

HIV/AIDS: Vor allem die Ärmsten brauchen Hilfe

Eine Kleinkindstation in der Diozöse Ndola.
Eine Kleinkindstation in der Diozöse Ndola.

"In Afrika sind die Auswirkungen von HIV/AIDS so verheerend, dass diese Epidemie eines der Haupthindernisse für die Entwicklung darstellt“ Kofi A. Annan

Die Diözese Ndola in Sambia richtet 1993 eine AIDS/HIV-Koordinierungsstelle ein.
Regelmäßig wird ermittelt, wo Hilfe fehlt: Weiterbildung der 700 freiwilligen Helfer, Betreuung von AIDS-Waisen, Aufklärung.

Empowerment: Arme treten selbst für ihre Rechte ein (1992 – 2001)

Kampf dem Sextourismus

Frauen und Kinder sind immer wieder Opfer sexueller Ausbeutung. Der Kinderrechtsorganisation ECPAT  gehören auch EED und MISEREOR an.

 

Empowerment: Arme treten selbst für ihre Rechte ein (1992 – 2001)

 

Potraitfoto Josef Sayer

Josef Sayer wird Nachfolger des verstorbenen MISEREOR-Hauptgeschäftsführers Herkenrath

„Mit Zorn und Zärtlichkeit an der Seite der Armen“ - Das Leitwort des 50-jährigen Bestehens des Hilfswerkes gilt auch für Sayer selbst. Dem Kölner Stadtanzeiger bekannte er zu seinem Abschied 2012: „Ich hätte bei Misereor nicht arbeiten können, wenn ich nicht das Leben in Peru mit den Campesinos auf dem Land und in den Slums von Lima erfahren, geteilt und mit ihnen zu verändern versucht hätte. Wir mussten dauernd kämpfen: für sauberes Wasser, Nahrung, elementare Schulbildung, für Gesundheitsversorgung und gegen die Vertreibung.“

 

Empowerment: Arme treten selbst für ihre Rechte ein (1992 – 2001)

35.000 Menschen bildeten eine Menschenkette um den Ort der G8-Tagung. Sie forderten einen radikalen Schuldenerlasss für die ärmsten Länder.
35.000 Menschen kreisten den G8-Tagungsort ein.

Erlassjahr-Kampagne übt erfolgreich Druck aus

50 deutsche Nichtregierungsorganisationen, darunter EZE und KZE, tragen die Kampagne „Erlassjahr 2000 – Entwicklung braucht Entschuldung“ für einen Schuldenerlass der ärmsten Entwicklungsländer. Unter dem Druck der Kampagne beschließt der Kölner G8-Gipfel mehrere Verbesserungen des Entschuldungsprogramms von Weltbank und Internationalem Währungsfonds.

 

Empowerment: Arme treten selbst für ihre Rechte ein (1992 – 2001)

Auch die Bewohner die Armenviertels Korogocho in Nairobi/Kenia gehören zu jenen "extrem Armen", der Anteil an der Weltbevökerung halbiert weden sollte.
Das Armenviertel Korogocho in Nairobi/Kenia

Millenniumsgipfel setzt ehrgeizige Ziele bei Armutsbekämpfung

Auf dem Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen verpflichten sich die Staaten, den Anteil der extrem Armen an der Weltbevölkerung bis 2015 zu halbieren. Im Folgejahr legt die Bundesregierung ein „Aktionsprogramm 2015“ vor. Viele Anliegen der kirchlichen Hilfswerke finden Eingang in die staatliche Strategie der Armutsbekämpfung, so die Forderung nach entwicklungspolitischer Kohärenz: Andere Politikfelder dürfen das Ziel der Armutsbekämpfung nicht konterkarieren.

 

Entwicklungsdienste fusionieren zum EED

Die EKD bündelt ihre Kräfte in der Entwicklungszusammenarbeit. Aus der Fusion der Evangelischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe, des Kirchlichen Entwicklungsdienstes, von Dienste in Übersee und des Ökumenisch-Missionarischen Weltdienstes entsteht der Evangelische Entwicklungsdienst e.V. (EED) mit Sitz in Bonn, 2003 schließt sich das Ökumenische Stipendienwerk an. Der EED kooperiert eng mit dem eigenständig bleibenden spendenfinanzierten Hilfswerk „Brot für die Welt“. Die EZE bleibt rechtlich selbständig, überträgt aber die operationale Durchführung des Programms auf den neuen EED.

Prälat Karl Jüsten, Vorsitzender der KZE
Prälat Karl Jüsten, Vorsitzender der KZE

Seit 1. März 2000 ist Prälat Karl Jüsten Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe – Katholisches Büro in Berlin.

Damit verbunden ist auch der Vorstand der Katholischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe.In einem Interview im Jahr 2002 bekräftigt er die Partner-Orientierung kirchlicher Entwicklungsarbeit:„Das finden wir in der Projektwirklichkeit bestätigt. Beteiligung, Aufbau von Zivilgesellschaft lässt sich ja nicht von oben herab organisieren, sondern muss von unten langsam wachsen. Bolivien ist ein Beispiel, es gibt andere, das zeigt, dass die Kirchen beim Aufbau von zivilgesellschaftlichen Strukturen, beim Zustandekommen von runden Tischen, eine ganz wichtige Rolle spielen.“

 

 

Empowerment: Arme treten selbst für ihre Rechte ein (1992 – 2001)

Staat bringt Kirchen großes Vertrauen entgegen (2002 – 2012)

Gespräche über eine Neufassung der Förderrichtlinien des BMZ für die kirchlichen Entwicklungsdienste kommen in Gang. Künftig sollen die Kirchen die staatlichen Zuschüsse zu 100 Prozent in Form der Globalbewilligung bekommen – ein großes Zeichen des Vertrauens – bei gegenseitigem Interesse an der Zusammenarbeit. Über die Förderung in politisch sensiblen Ländern soll es jährliche Absprachen mit BMZ und Auswärtigem Amt geben. Die Lobbyarbeit im Inland wird im Kontext des Rio-Prozesses und der Weltsozialforen ausgebaut. In „Eine-Welt-Projekten“ arbeiten Nord- und Südpartner zusammen, betreiben gemeinsame Lobbyarbeit gegenüber den Regierungen und gemeinsame Forschungsprojekte, etwa zur Gentechnik in der Landwirtschaft und zu Bio-Patenten und Traditionellem Wissen. 

Ankerland-Konzept des BMZ stößt auf Kritik

Das BMZ löst mit dem neuen „Ankerland-Konzept“ eine breite Diskussion aus. Es definiert wirtschaftlich bedeutende Länder in verschiedenen Regionen, denen auch unter weltpolitischen Gesichtspunkten besondere Bedeutung für die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) zukomme. Kirchliche Hilfswerke kritisieren die rein ökonomischen Kriterien, eine weitgehende Abkehr von der Armutsorientierung der EZ und somit einen Widerspruch zum „Aktionsprogramm 2015“.

Staat bringt Kirchen großes Vertrauen entgegen (2002 – 2012)

Paris - Tour Eiffel
Paris - Tour Eiffel

Pariser Erklärung – ein Schritt in die richtige Richtung?

91 Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) unterzeichnen die Pariser Erklärung über die Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit. Sie stellt die Prinzipien Eigenverantwortung, Partnerausrichtung, Harmonisierung, ergebnisorientiertes Management und gegenseitige Rechenschaftspflicht in den Mittelpunkt. Nicht-staatliche Akteure befürchten hierdurch eine stärkere Orientierung an den administrativ-technischen Interessen des Nordens sowie eine Einschränkung ihrer Spielräume, weil die Mittel der EZ stärker in staatliche Haushalte fließen sollen.

Staat bringt Kirchen großes Vertrauen entgegen (2002 – 2012)

Wechsel in der Geschäftsführung der EZE

Mit dem Ruhestand von EED-Vorstandsmitglied Dr. Hartmut Bauer geht die Geschäftsführung der EZE an seinen Nachfolger Tilman Henke über.

Staat bringt Kirchen großes Vertrauen entgegen (2002 – 2012)

Der neue MISEREOR-Geschäftsführer Pirmin Spiegel
Der neue MISEREOR-Geschäftsführer Pirmin Spiegel

„Es lohnt sich immer für weltweite Gerechtigkeit zu kämpfen!“

Pfarrer Pimin Spiegel wird neuer MISEREOR-Leiter. Zwölf Jahre lebte der Nachfolger von Prälat Sayer in Lateinamerika, vor allem in Brasilien.  Besonders geprägt hat ihn dort „die Art wie die Menschen ihren/unseren Glauben leben und damit versuchen, lebendige Kirche zu sein. Es geht darum, Leben und Glaube nicht getrennt zu sehen. Die 'Option für die Armen' ist eine 'Vorliebe' für die Letzten."

Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung startet in Berlin

Der EED und das Diakonische Werk der EKD mit Brot für die Welt schließen sich zum Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung (EWDE) zusammen. Internationale Entwicklungsarbeit und nationale Sozialarbeit werden auf diese Weise enger zusammengeführt. Eines der beiden Teilwerke des EWDE ist „Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst“. Das EWDE nimmt im Oktober 2012 seine Arbeit am neuen Standort in Berlin auf. Die Evangelische Zentralstelle EZE geht mit in diesen Zusammenschluss.

Rio+20 endet unverbindlich – Mehr Druck von unten ist nötig

Die Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung (Rio+20)bekennt sich zwar zu nachhaltigem Wirtschaften und den gemeinsamen Zielen im Kampf gegen Hunger und Armut und für den Schutz der Umwelt. In der Abschlusserklärung sind aber keine verbindlichen Abmachungen für die Umsetzung enthalten. Die kirchlichen Hilfswerke zeigen sich enttäuscht über das Versagen der Politik. Die Zivilgesellschaft müsse nun weltweit noch stärker Druck für Veränderung machen.

Staat bringt Kirchen großes Vertrauen entgegen (2002 – 2012)