Die Kraft der Armen

Entwicklungsminister Niebel besucht Projekte der beiden kirchlichen Hilfswerke in Kenia

Von Ralph Allgaier

Es stinkt nach Müll, Rauch, Fäkalien und Vergorenem. Man muss diese schwer erträgliche Mixtur gerochen haben, um wirklich zu begreifen, was es heißt, in Korogocho zu leben. In engen Straßen, wo es vor Menschen nur so wimmelt. Wo die Bewohner  aus unförmigen Ästen, etwas Lehm und zerbeultem Blech ihre Hütten zusammengezimmert haben. Wo ihnen außer Abfall kaum etwas bleibt, von dem sie leben können. Für Centbeträge verkaufen sie Plastiktüten, Scherben oder Briketts, die  - aus Altpapier und anderen Zutaten bestehend - als Brennmaterial herhalten müssen.

Ein Geschenk für den Minister: Alle Materialien zu diesen Schuhen stammen von einer Mülldeponie. Das Müllsortieren bietet den Ärmsten eine Einkommensquelle. Doch ihre Gesundheit leidet enorm.
Bundesminister Dirk Niebel in Korgocho, einer Armensiedlung in Nairobi/Kenia

Man merkt Dirk Niebel, dem Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung an, dass ihm sehr nahe geht, was er in Korogocho zu sehen bekommt, einem der gewalttätigsten Elendsviertel von Nairobi. Der FDP-Politiker ist mit Repräsentanten der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland nach Kenia gereist, um Projekte zu besichtigen, die von den  Hilfswerken MISEREOR und Evangelischer Entwicklungsdienst  (EED) mit hohen Zuschüssen des Ministeriums unterstützt werden. Seit 50 Jahren gibt es diese Kooperation von Staat und Kirche in der Entwicklungszusammenarbeit, und der Minister erlebt nicht zuletzt in Korogocho, wie notwendig diese Hilfe nach wie vor ist. Dort trifft er auf Pfarrer John Webootsa, Leiter der katholischen St-Johns-Gemeinde - einer der wenigen Hoffnungsträger für die  Armen in der kenianischen Millionenmetropole. Auf dem Gelände der Pfarre treffen sich die Kinder und Jugendlichen der Umgebung zum Sport; hier werden jugendliche Kriminelle und Prostituierte in diversen Berufen  ausgebildet, erhalten  alleinerziehende Mütter Unterstützung.

Einkommen aus Müll

Hinter dem Gemeindehaus wird das gesammelte Elend des Slums auf schockierende Weise sichtbar: Pfarrer John zeigt Niebel die riesige Müllkippe, die seit Jahrzehnten die gesamten Abfälle der Hauptstadt aufnehmen muss, Menschen wie Umwelt auf untragbare Weise belastet. Andererseits stellt diese Deponie für täglich  tausende Menschen  eine Möglichkeit dar, nach Verwertbarem zu suchen, von dessen Verkauf sie ihr Überleben sichern müssen. Der Minister lernt  später eine Gruppe junger Leute kennen, die auf genau diese Weise eine bescheidene  Einkommensquelle erschlossen haben. Stolz überreichen sie ihm ein paar Schuhe, die aus Materialien von der Kippe hergestellt wurden. Sie wirken selbstbewusst und zufrieden. Als  Besucher fragt man sich, woher sie die Kraft nehmen, sich mit so einem kärglichen Leben zu arrangieren.

„People owned process“ - Der Ansatz, auf die Selbsthilfekräfte der Menschen zu setzen, beeindruckt in der Diozöse Embu u.a. Prälat Jüsten, KZE-Leiter Dittrich, Minister Niebel, Präses Felmberg und Dr. Claudia Warning.
Prälat Jüsten, BM Niebel und Präses Felmberg

Der Minister und seine Reisedelegation treffen in Kenia eine ganze Reihe von Menschen, die so viel Überlebenswillen verströmen, dass man die Begegnung mit ihnen wohl kaum mehr vergessen wird. In PapOnditi/Moro lernen wir eine ältere Frau kennen, die alle nur „Mama Hellen“ nennen.  Sie erzählt dem Minister und den Leitern der beiden kirchlichen Zentralstellen für Entwicklungshilfe, Prälat Bernhard Felmberg (Evangelische Kirche) und Prälat Karl Jüsten (Katholische Kirche), aus ihrem bewegten Leben. Wie sie davon erfuhr, mit Aids infiziert zu sein, wie sie stigmatisiert, verarmt und von ihrem Ehemann verlassen, auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen war.  Ein Projekt der Anglikanischen Kirche, das vom EED unterstützt wird, habe für sie die Rettung bedeutet, sagt Hellen. Dabei werden Menschen gezielt darin gefördert, ihre eigenen Selbsthilfepotenziale zu mobilisieren. Davon hat Mama Hellen eine ganze Menge. Heute ist sie eine Kleinunternehmerin, die als Imkerin und Tomatenzüchterin erfolgreich ist und aus einem über  ihre Dachrinne gespeisten Sammeltank Wasser verkauft. 

Zurückhaltende Begleitung

Mit diesem sogenannten „People owned process“, einem Entwicklungsansatz zur Stärkung der Selbsthilfe Ressourcen-armer Menschen, ist MISEREOR in Kenia – und nicht nur dort – ebenfalls sehr erfolgreich. Die Partnerorganisationen des katholischen Hilfswerks begleiten die Menschen dabei betont zurückhaltend, lassen sie selbst entdecken, welche Talente in ihnen stecken, und wie sie ihre Lebensbedingungen verbessern können. In der Diözese Embu, einer Partnerorganisation von MISEREOR,  ist es die 29-jährige Mary Wambogo Nsiru, die sich mutig vor Minister Niebel stellt und in einer flammenden Rede darstellt, wie sehr die Hilfe der Kirche das Leben in der immer wieder von Dürre heimgesuchten Region  Ishiara verbessert hat und wie sich insbesondere die Frauen in ihrem Alltag gestärkt fühlen. Niebel und seine Delegation bewundern den modernen Dorfladen und den vielfältig gestalteten Küchengarten, die Lehmziegelproduktion und die an das sehr trockene Klima besser angepasste Landwirtschaft. „Ich bin tief beeindruckt“, sagt der katholische Prälat Karl Jüsten später und lobt die geballte „Frauenpower“ im Dorf.  Und auch Prälat Felmberg sieht in diesem Projekt-Ansatz eine Bestätigung für die deutschen Hilfswerke: „Gott hat Kräfte in uns gesetzt, die wir im Miteinander wecken müssen, um das Beste füreinander zu erreichen.“

Ralph Allgaier, Pressesprecher von MISEREOR, hat Bundesminister Niebel auf seiner Keniareise begleitet.

Kontakt

Ralph Allgaier
MISEREOR-Pressestelle
Telefon: 0241-442 529
Mobil: 0160-90555853
Mail: ralph.allgaier@misereor.de